Mobbing in der Schule


Was ist Mobbing in der Schule?

Spätestens wenn die Mitschüler wegsehen, haben es die Täter geschafft: Aus einem Klassenkameraden ist ein Mobbingopfer geworden, ausgegrenzt und isoliert. Mobbing in der Schule kann jeden treffen. Wir erklären, wer warum zum Opfer wird und wer weshalb zum Täter, wie Eltern ihren Kindern helfen können und wann und wie Lehrer gefordert sind.

Vollidiot. Fette Sau. Schlappschwanz. Zuerst kommen die Sprüche. Im nächsten Schritt werden etwa die Sportklamotten über den Boden verteilt, danach wird es körperlich: Haare ziehen, Ellbogenchecks, Tritte. Dazu weiter die Sprüche. Schlampe, Mongo, Kanake.

So geht Mobbing: eine Spirale seelischer und körperlicher Gewalt. Mobbing ist brutal und gemein. Das Opfer soll gedemütigt und als Persönlichkeit zerstört werden. Was die Mobber selbst nie zugeben würden. „War doch alles nicht ernst gemeint“ ist ihre Standardausrede.

Diese Ausrede wird häufig gebraucht, denn Mobbing unter Schülern ist weder neu noch selten. An weiterführenden Schulen werden rund 15 Prozent der Jungen und Mädchen gemobbt, vor allem Sechst- und Siebtklässler, etwa 4 Prozent müssen mindestens einmal pro Woche Attacken über sich ergehen lassen. Selbst vorsichtig geschätzt entspricht dies einer halben Million Mobbingopfer, die dauerhaft leiden. 


Mobbing eskaliert in drei Phasen

Durch mangelnde Kontrolle. Los geht es meist in Klassenzimmern und auf Pausenhöfen, wo keine Lehrer zu sehen sind. Täter meiden zumindest anfangs die Öffentlichkeit, später werden die Übergriffe dreister und offensichtlicher.

Mobbing verläuft in drei Phasen:

  1. das Explorationsstadium. Der Täter bzw. die Täterin sucht sich durch kleinere Gemeinheiten gegen verschiedene Kinder ein geeignetes Opfer aus.
  2. Konsolidierungsstadium. Die systematischen Attacken gegen das Opfer beginnen. In dieser Phase spielt das Verhalten der Lehrkräfte und der Mitschüler eine entscheidende Rolle. Ignorieren und Nichteingreifen bzw. Tolerieren deuten Täter als Billigung.
  3. Manifestationsstadium. Der Täter bzw. die Täterin hat die Klasse überzeugt, dass die Attacken gegenüber dem Opfer gerechtfertigt sind. Das Opfer wird von den Mitschülern abgelehnt und bleibt innerhalb der Klassengemeinschaft isoliert. 

Wer wird Täter? Wer wird Opfer?

Treibende Kraft des Mobbings ist aggressives Dominanzstreben der Täter. Sie setzen Mobbing ein, um Mitschüler in seinem Sinne zu beeinflussen.

Zum Opfer werden keineswegs – entgegen einem geläufigen Vorurteil – unbedingt introvertierte oder physisch schwächere Kinder. Allerdings rangieren Opfer in der Klassenhierarchie recht weit unten, so dass voreingestellte Schemata („Weichei“, „Loser“) auch bei den Mitschülern greifen.

In der Regel reagieren Schüler auf Aggressionen gegen Klassenkameraden mit Ablehnung – sie werden, anders als der Aggressor, als Teil der Gruppe gesehen. Nur wenn es qua Mobbing gelingt, einen Mitschüler aus der Klassengemeinschaft zu drängen, verfängt das Mobbing. Die Klasse wird das Opfer nicht mehr verteidigen. 

Verschiedene Schüler übernehmen verschiedene Rollen. So gibt es Assistenten und Unterstützer des Täters, die von sich aus nicht mobben, aber sofort mitmachen, wenn der Täter damit anfängt. Neben dem Opfer gibt es in diesem Beziehungsgeflecht die Verteidiger des Opfers und die Außenstehenden, die selbst keine Stellung beziehen und sich heraushalten. Ab einer bestimmten Phase wird es oft risikoreich, für das Opfer Stellung zu beziehen, in diesem Stadium wenden sich nicht nur die Verteidiger, sondern auch gute Freunde ab.

Zum Opfer kann jeder werden, dem eine „Abweichung“ vom Normalen angedichtet werden kann. Da reicht schon „Die ist immer so komisch angezogen“ oder „Der ist hochnäsig“. Täter sind sich der Schwächen ihrer Opfer bewusst und setzen dieses Wissen strategisch und systematisch ein.

Der Mobbingforscher Dan Olweus differenziert zwischen passiven Opfern, welche im Allgemeinen ängstlich bzw. unsicher sind und damit signalisieren, dass sie sich gegen etwaige Attacken nicht wehren werden, sowie provozierenden Opfern, welche durch ihr nervöses Verhalten Ärger provozieren und im Umfeld dadurch negative Reaktionen auslösen.


Diese Kinder sind besonders gefährdet

Als besonders gefährdet gelten vor allem Kinder, die

• kleiner oder schwächer sind als der Durchschnitt,

• übergewichtig sind,

• ängstlich oder schüchtern sind;

• sozial nicht akzeptierte Merkmale haben (keine Markenkleidung, ärmliches Aussehen etc.);

• sich selbst aggressiv verhalten;

• einem Elternhaus mit überbehütendem Erziehungsstil entstammen;

• eine Behinderung aufweisen;

• einer ethnischen Minderheit angehören.

Entgegen der Annahme, dass Täter meist männlich sind, ergab eine Münsteraner Studie ein ausgeglichenes Verhältnis von Mädchen und Jungen. Bezeichnend ist dabei, dass 40 Prozent die Tat als „Streich“ betitelten und damit die Ernsthaftigkeit der Lage für die Opfer vollkommen verkannten. Schuldbewusstsein war nicht vorhanden.


Erstes Anzeichen: Rückzug vom Alltag

Aus Sicht der Opfer gibt es meist nur eine Option, den Rückzug. Wenn Ihr Kind sich also von seinen Freunden zurückzieht, sich in seinem Zimmer verschanzt, sich rapide in der Schule verschlechtert, scheinbar unbegründete Wutanfälle oder psychosomatische Beschwerden (vor allem Kopf- oder Bauchschmerzen) zeigt: Obacht!


So können Eltern ihren Kindern helfen

Niemand ist gern Opfer. Der Satz „Ich werde gemobbt“ ist scham-besetzt, auch für Ihr Kind. Sie können ihr Kind zum Reden ermutigen, sollten es aber nicht drängen. Was Sie tun können: über Mobbing reden und skizzieren, dass sich etwas dagegen tun lässt und wie Sie dabei helfen. Ist das Thema auf dem Tisch und weiß Ihr Kind um Ihre Unterstützung, heißt es abwarten: bis das Kind auf Sie zukommt.

Nehmen Sie die Erlebnisse Ihres Kindes ernst, sprechen Sie ruhig mit ihm und machen Sie ihm keine Vorwürfe, sonst wird es sich Ihnen beim nächsten Mal vielleicht nicht mehr anvertrauen.


So erkennen Lehrer Anzeichen von Mobbing

Es gibt eine Reihe von Indizien, die deutlich zeigen, dass ein Mädchen oder ein Junge zum Mobbingopfer wird oder bereits geworden ist:

  1. Diese Kinder werden gehänselt, beschimpft, lächerlich gemacht, eingeschüchtert, bedroht, herumkommandiert usw. Man macht sich über sie lustig und lacht sie in herabsetzender Weise aus.
  2. Man reitet auf ihnen herum, schiebt sie beiseite, pufft sie, schlägt sie…
  3. Sie werden in „Streitigkeiten“ und „Kämpfe“ hineingezogen, in denen sie fast wehrlos sind und aus denen sie sich – oft vergeblich – versuchen zurückzuziehen.
  4. Mitschüler nehmen ihre Bücher, ihr Geld oder anderen Besitz (Kleidung) weg, verstecken diesen oder schrecken auch vor Beschädigungen nicht zurück.
  5. Sie haben Prellungen, Verletzungen, Schnitte, Kratzer, für die es keine natürliche Erklärung gibt.
  6. Sie sind (oft) allein und ausgeschlossen von der Gruppe Gleichaltriger.
  7. Bei Mannschaftsspielen werden sie als letzte ausgewählt.
  8. Sie suchen in der Pause gern die Nähe zu Erwachsenen (Lehrer).
  9. Sie haben Mühe vor der Klasse zu sprechen und machen eher einen unsicheren, ängstlichen Eindruck.
  10. Sie scheinen oft hilflos, niedergeschlagen, den Tränen nahe zu sein.
  11. Ihre schulischen Leistungen können plötzlich oder allmählich nachlassen. 

Prävention in der Schule

Viele Mobbingopfer sprechen weder in der Schule noch zu Hause über ihre Leiden, weil sie kein Vertrauen in deren Hilfe haben. Deshalb sehen viele Lehrer Mobbing als einen Vorgang, der an ihrer Schule – wenn überhaupt – selten vorkomme.

Wenn das Problem erkannt wird, können Lehrer einiges dagegen tun. Wichtig ist,

  1. den Opfern zu glauben. Niemand erzählt ohne Not von seelischen Qualen
  2. der Schutz des Opfers muss höchste Priorität haben
  3. bei Mobbing geht es weniger um Personen als um Verhalten – und zwar das der gesamten Klasse
  4. Selbst erarbeitete Richtlinien „So gehen wir miteinander um“ können einen konstruktiven Ausweg aus der Situation weisen
  5. Lehrer können sich fortbilden, um Mobbing in einem frühen Stadium zu erkennen. Dann können sie rechtzeitig einschreiten.

In unserem Ratgeberbereich bieten wir Ihnen viele Artikel mit weiterführende Tipps und Informationen zum Thema Mobbing in der Schule und erklären, wie Sie Ihre Kinder schützen können.


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